Heute finden die Festlichkeiten zum Shivaratri hier ihren Hoehepunkt. Ich nehme an einer puja teil, ein ritualisierter Gottesdienst, in dem Blumen oder Fruechteopfer dargebracht werden. In dem kleinen Tempel des Sacha Dham Ashram sitzen links die Maenner und rechts die Frauen. Links vorne sitzt eine Gruppe von Musikern und Saengern. Vorne, dargestellt mit weissem Bart, dunklem Haar, heller Haut und beschuetzt von einem bunten Schirm eine Statue des Gurus, dessen Schueler und Nachfolger der aktuelle Guru des Ashrams ist.
Der Raum ist mit Flittergirlanden geschmueckt, stark an die Faschingsdekoration eines Festsaals erinnernd. Die puja selbst ist eine Abfolge von Gesaengen, Rezitationen, und ritualisierten Handlungen, wahrend derer die Statue mit Blumengirlanden geschmueckt und Sandelholz verbrannt wird.
Waehrend der ersten Stunde kommen die ganz in weiss gekleideten Schueler der zum Ashram gehoerenden Schule dazu und unterstuetzen mit inbruenstigem Gesang. Sie singen etwas zu langsam, so dass sie den Fortschritt der Rituale aufhalten und vom pujari zur allgemeinen Heiterkeit gestoppt werden muessen.
Spaeter betritt der Guru des Ashram den Raum. Er ist sehr alt und braucht Hilfe beim gehen. Er traegt einen langen weissen Bart und ein weisses, fliessendes Gewand. Seine wachen Augen beindrucken mich. Trotz seiner offensichtlichen, koerperlichen Schwaeche nimmt er die Praesenz jedes Anwesenden war.
Nun folgen Solos der einzelnen Saenger. Besonders bewegt mich der Gesang eines aelteren Mannes mit dicker Brille und rauher Stimme, der eine Art langer Ballade vortraegt, deren Text ich natuerlich nicht verstehen kann.
Danach beginnt die 45 Minuten dauernde Ansprache des Guru. Er spricht frei mit wechselnder Energie und schafft es, jeden im Raum anzusprechen. Deswegen traue ich mich auch nicht zu gehen, als der Sandelholzduft im Raum durch einen immer staerker werdenden, unangenehmen Loesungsmittelgeruch verdraengt wird. Just wahrend der Predigt beginnt draussen jemand, die Gitter an den leider geoeffneten Fenstern zu streichen.
Nach zwei Stunden ist alles vorbei und ich bin froh, wieder an die Sonne und die frische Luft zu kommen.