Klaus nicht zu Haus


Familienbesuch
März 7, 2008, 11:15 Uhr vormittags
Gespeichert unter: Indien, Reisen

Ich mache einen Ausflug zu einem Dorf in den Bergen, ca. 800m ueber Rishikesh gelegen. Der Weg steht in keinem Reisefuehrer und duerfte wenigen bekannt sein. In meiner Tasche habe ich Mandarinen und Lutscher als Gastgeschenke mit. Ein schmaler Pfad fuehrt vorbei an einem versteckten Wasserfall durch den Urwald der Himalaya-Vorberge, in dem Affen, Tiger und wilde Elephanten leben. Ich begegne zum Glueck nur den Affen.

Nach eineinhalb Stunden finde ich ein Shiva-Lingam am Wegesrand, das eine ehemalige Quellfassung beschuetzt: ein phallusfoermiger Stein um den einen Schnur gebunden ist, ein Dreizack aus Blech und ein paar Blumen. Ein paar Schritte weiter sehe ich das Dorf ueber mir liegen. Ich erschrecke ein paar Kuehe, die links und rechts in den Wald fluechten. Am Dorfeingang treffe ich vier Frauen, die in der betonierten Bewaesserungsrinne der kleinen Terassenfelder Waesche waschen. Ein paar Schritte entfernt ein in weiss und ein leuchtend oranges Tuch gekleideter Junge. Ich sehe einen Baum mit Papayas und einen mit Bananen. Auf den Feldern waechst Getreide und Wurzelgemuese, Karotten oder Kartoffeln. Die Haeuser sind adrett blau weiss gestrichen, an einer an einem Stab befestigten Solarzelle haengt ein Fernseher, aus dem indische Musik toent.

Ich biete die Mandarinen an und komme ins Gespraech - soweit das moeglich ist. Ich spreche kein Hindi, der Junge und eine der Frauen nur ein paar Worte Englisch. Ich werde zum Chai eingeladen. Waehrend dieser zubereitet wird, erfahre ich, dass hier oben zwei Familie leben, insgesamt 10 Personen. Der Junge und die Maedchen gehen auf die Schule. Eines der Maedchen, 21 Jahre alt, heiratet im April eine Mann aus Rishikesh.

Der Junge interessiert sich fuer meine digitale Spiegelreflexkamera und ich zeige ihm, wie man damit fotografiert. Er erweist sich als begabter Fotograf mit einem guten Blick fuer den Ausschnitt. So macht er eine ganze Reihe von Familienfotos, die ich als Fremder mit Sicherheit nicht so haette machen koennen. Die Moeglichkeit, die Bilder sofort am Display anschauen zu koennen, begeistert alle.

Nach einer Stunde breche ich auf und verspreche, die Bilder am naechsten Tag ausgedruckt wieder mitzubringen. Ich halte das Versprechen und Nicolai, der ein wenig Hindi spricht, begleitet mich. Es wird ein langer, intensiver Tag, aber das ist eine andere Geschichte.



Puja
März 6, 2008, 10:02 Uhr vormittags
Gespeichert unter: Indien, Puja, Reisen

Heute finden die Festlichkeiten zum Shivaratri hier ihren Hoehepunkt. Ich nehme an einer puja teil, ein ritualisierter Gottesdienst, in dem Blumen oder Fruechteopfer dargebracht werden. In dem kleinen Tempel des Sacha Dham Ashram sitzen links die Maenner und rechts die Frauen. Links vorne sitzt eine Gruppe von Musikern und Saengern. Vorne, dargestellt mit weissem Bart, dunklem Haar, heller Haut und beschuetzt von einem bunten Schirm eine Statue des Gurus, dessen Schueler und Nachfolger der aktuelle Guru des Ashrams ist.

Der Raum ist mit Flittergirlanden geschmueckt, stark an die Faschingsdekoration eines Festsaals erinnernd. Die puja selbst ist eine Abfolge von Gesaengen, Rezitationen, und ritualisierten Handlungen, wahrend derer die Statue mit Blumengirlanden geschmueckt und Sandelholz verbrannt wird.

Waehrend der ersten Stunde kommen die ganz in weiss gekleideten Schueler der zum Ashram gehoerenden Schule dazu und unterstuetzen mit inbruenstigem Gesang. Sie singen etwas zu langsam, so dass sie den Fortschritt der Rituale aufhalten und vom pujari zur allgemeinen Heiterkeit gestoppt werden muessen.

Spaeter betritt der Guru des Ashram den Raum. Er ist sehr alt und braucht Hilfe beim gehen. Er traegt einen langen weissen Bart und ein weisses, fliessendes Gewand. Seine wachen Augen beindrucken mich. Trotz seiner offensichtlichen, koerperlichen Schwaeche nimmt er die Praesenz jedes Anwesenden war.

Nun folgen Solos der einzelnen Saenger. Besonders bewegt mich der Gesang eines aelteren Mannes mit dicker Brille und rauher Stimme, der eine Art langer Ballade vortraegt, deren Text ich natuerlich nicht verstehen kann.

Danach beginnt die 45 Minuten dauernde Ansprache des Guru. Er spricht frei mit wechselnder Energie und schafft es, jeden im Raum anzusprechen. Deswegen traue ich mich auch nicht zu gehen, als der Sandelholzduft im Raum durch einen immer staerker werdenden, unangenehmen Loesungsmittelgeruch verdraengt wird. Just wahrend der Predigt beginnt draussen jemand, die Gitter an den leider geoeffneten Fenstern zu streichen.

Nach zwei Stunden ist alles vorbei und ich bin froh, wieder an die Sonne und die frische Luft zu kommen.



Blick aus dem Fenster
März 5, 2008, 4:48 Uhr nachmittags
Gespeichert unter: Indien, Reisen

Ich wohne hier in Rishikesh in einem herrlichen Zimmer auf einer Steilklippe 20m ueber dem Ganges. Links blicke ich auf eine schmale Haengebruecke, die die beiden Ufer verbindet. Gegenueber reiht sich ein Ashram an den anderen.

Morgen ist ein wichtiger, Shiva gewidmeter Tag. In der Neumondnacht wird die Hochzeit zwischen Shiva und Parvati gefeiert. Seit einigen Tagen stroemen anwachsende Massen an Pilgern in die Stadt und zwaengen sich ueber die schmale Haengebruecke, beiseite gedraengt durch kreischende Hupen von Mofas, die den Platz auf der Bruecke fuer sich beanspruchen. Die Frauen sind in leuchtend gelbe, mangenta, orange und blaue Saris gehuellt. Affen hangeln sich an den Drahtseilen der Bruecke entlang und betteln. Ein dunkler Schatten unter der Wasseroberflaeche markiert die Stelle, an der grosse Fische auf heruntergeworfenes Futter warten.

Die Pilger besteigen die Tuerme der zwei groessten Ashrams gegenueber und schlagen an jedem Stockwerk eine der vielen Glocken an, uebertoent von der Musik aus Lautsprechern der uerberfuellten Pilgerbusse, die auf der Strasse am Berghang zum Neelkanth-Tempel fahren, ein wichtiges Ziel der Shivaratri- Pilgerfahrt.

Am Gangesufer nehmen manche Piger ein rituelles Bad an einer der vielen Badestellen. Daneben am Gangesstrand die von der Waescherei zum Trocknen ausgelegten Betttuecher. Kinder, die den ueberall ueber die Mauern geworfenen Muell nach verwertbarem dursuchen. Gefolgt von Affen, Kuehen und Ratten.

Das ist der Blick aus meinem Fenster.



Kaste, Krebs und Künstler
März 3, 2008, 4:36 Uhr nachmittags
Gespeichert unter: Indien, Reisen

Das Indien ein Kastenwesen hat, ist allgemein bekannt. Brahmanen (Priester), Kshatryias (Krieger), Vaishyas (Kaufleute) und Shudras (Handwerker, Bedienstete) bilden die schon in den mythologischen Schriften beschriebenen Kasten. Weniger bekannt ist, das sich die vier Kasten in hundert, wenn nicht tausende Jatis gliedern. Dabei sind die Jatis als soziale Gruppierungen wie Großfamilien oder Clans zu verstehen. Bei einer Volkszählung im Jahre 1881 zählten die Briten in Indien an die 2000 Jatis.

Einer anderen Form des Kastenwesens begegne ich, als ich mich auf der Homepage der indischen Bahn nach einer Zugverbindung erkundige. Ich stoße auf eine Liste von 65 verschiedenen Ermäßigungsgründen: vom Artist Lower Class, Artist Higher Class, über verschiedene Krankheitsstadien wie Cancer Patient, Kidney Patient, Heart Patient, Deaf and Dump, bis zur War Widow und dem Unemployed Youth for Interwiew zieht sich die Liste der möglichen Ermäßigungen. Oder der Zulassungen? Es handelt sich nämlich um eine Fare Concession, nicht eine Fare Reduction.

Aber es ist natürlich eine gute Sache, möglichst vielen Bedürftigen einen Preisnachlass bei der Zugfahrt zu gewähren. Trotzdem bin ich froh, mich nicht als TB- oder Lepra-Patient vor einem indischen Bahnbeamten outen zu müssen, als ich meine Zugfahrkarte von Delhi nach Rishikesh kaufe.



Stillstand in Delhi
März 2, 2008, 5:24 Uhr nachmittags
Gespeichert unter: Delhi, Indien, Reisen

Das keine Missverstaendnisse entstehen: Delhi steht alles andere als still. Hier herrscht ein Uebermass an Verkehr, Laerm, Geruechen, Menschen, Stimmen, Geschaeften … an Leben und Geschaeftigkeit. Als ich meinen Fuss das erste mal vom Hotel auf die Markstrasse Pahar Ganj setzte und Richtung Bahnhof wanderte, war ich nur noch darauf konzentriert, den Rikschas, Taxis, Kuehen und Menschen auszuweichen und alles andere auszublenden. Es waren einfach zu viele der Eindruecke, als das ich alle an mich heranlassen konnte.

Heute machte ich einen Spaziergang von New Delhi nach Old Delhi. Und wieder das gleiche Phaenomen: Ohren, Augen und Nase machten dicht und konzentrierten sich auf den Verkehr und das Vorwaertskommen. Ich beschloss auf der Eisenbahnbruecke stehen zu bleiben und meine Sinne zu oeffnen. Und siehe da: keiner sprach mich, an keiner ueberfuhr mich. Endlich begann ich meine Umwelt an mich heranzulassen und bisher Ubersehenes wahrzunehmen: Die Lastentraeger, die hochbeladene Karren ueber schlaggeloecherte Wege zerren und die Ladung verlieren, wenn sie die Kurve zu scharf nehmen; die streunenden Hunde auf der Suche nach Nahrung; die heimatlosen Kinder, die sich in dreckige Taschentuecher schnueffelnd berauschen und die Koepfe nach Laeusen absuchen; die buerokratischen Buerokraten, die im Schatten sitzen und Formulare in 5-facher Ausfertigung ausfuellen, waehrend die Lastentraeger in der Sonne schwitzen.

Ja, wenn ich von Indien mehr sehen will, muss ich stillstehen.