Klaus nicht zu Haus


Ghatwalk
April 2, 2008, 11:30
Gespeichert unter: Ghat, Indien, Reisen

Varanasi erstreckt sich mehrere Kilometer entlang des Ganges, die Haeuser zwanzig Meter oberhalb des jetzt sehr niedrigen Pegel des Flusses. Ueber die gesamte Laenge der Stadt ziehen sich an die einhundert Treppenanlagen zum Flussufer hinunter. Die vorderste Front der alten, leerstehenden Haeuser, die sich nach und nach in Schutt- und Muellhalden aufloesen, wird durch die dahinter wachsende und nachdraengende Stadt ueber die Hangkante gedrueckt und waehrend des Monsuns vom dann stark angeschwollenen Fluss fortgetragen.

Ich beginne meine Wanderung entlang der Ghats am noerdlichen Stadtrand. Hier sind die oft unrenovierten Treppen dem Zerfall durch den Monsun und Hochwasser preisgegeben. Der Boden ist schmutzig, ueberall rote Flecken ausgespuckten Betels, Dung von Wasserbueffeln, Plastiktueten, Ziegelschutt, Staub und Sand.

Frei herumlaufenden Ziegen knabbern an violetten Blumen, die eine Schutthalde uberwachsen haben. Ein Barbier und sein eingeseifter Kunde sitzen am Boden im Schatten einer an Bambusstaeben aufgespannten Plastikplane. An senkrechten Mauern kleben von Frauen geformte Dungfladen zum Trocknen, um spaeter als Brennmaterial verwendet zu werden. An der sich anschliessenden tuerkis-weiss gestrichenen Treppe ruhen ein paar Ziegen und Menschen unter dem grossflaechigen Schatten eines alten, heiligen Baumes. Wasserbueffel, an die vierzig Stueck bis zu den Nuestern im Wasser stehend. Sie lassen sich von ihren Huetern den Ruecken waschen und fuehlen sich deutlich wohl dabei. Oberhalb knattert ein lauter Generator in einem Haus, an der Stelle wo der Auspuff austritt hat sich ein grosser dunkler Fleck an der Mauer gebildet. Muellkippen wechseln sich mit oberhalb von Treppen liegenden, zerfallenen Palaesten ab, die noch vom ehemaligen Reichtum der Maharadschas zeugen. Ein an den Vorderbeinen und einem Hinterbein gefesselter Esel sucht Schutz vor der Sonne im kurzen Schatten einer niedrigen Saeule. Waesche, grossflaechig zum Trocknen auf dem schmutzigen Boden ausgelegt.

Richtung Zentrum wandernd sehe ich immer mehr Pilger, die am Uferrand ihre rituellen Waschungen vornehmen. Im Wasser in langen Reihen festgemachte Boote, mit denen sie in die Mitte des Flusses gerudert werden, um dort ihre Lichterschalen ins Wasser zu setzen. Brahmanen, umgeben von Toepfen, Tiegeln und anderen Utensilien, unter aufgespannten Sonnenschirmen sitzend und ihre religioesen Dienste anbietend. Die Ghats sind nun besser renoviert und in kuehlen Farben – weiss, tuerkis, blau – gestrichen, oft mit einem kleinen Tempel, der die Ikone der Gottheit beherbergt, der das Ghat gewidmet ist. Die Gebaeude nehmen immer mehr den Charakter von Festungen an, hohe dicke Fundamente und Mauern, flankiert von massiven Tuermen und unterbrochen von steilen Treppenfluchten, die sich hoch oben durch schmale Durchgaenge in den dahinter befindlichen Markt verlieren.

Die Dichte und Groesse der Tempel nimmt zu, der Verlauf der Ghats wird immer verwinkelter und ploetzlich stehe ich vor einem riesigen Haufen aufgestapelter Holzstaemme. Jemand nimmt mich an der Hand und fuehrt mich auf eine Plattform. Unvorbereitet und unerwartet stehe ich ueber einem der Verbrennungsghats. An die zwanzig Scheiterhaufen unter mir schwelen mehr, als das sie brennen. Der beissende Geruch des Holzes kann den Geruch von verbranntem Fleisch nicht vollstaendig ueberdecken.

Gerade wird eine neue Verbrennung vorbereitet. Frisches Holz wird auf den noch gluehenden Kohlen eines heruntergebrannten Scheiterhaufens aufgestapelt. Der auf einer Bahre liegende Leichnam wird von den bunten Stoffen, Blumen und Glitzerfolien, mit denen er geschmuechkt ist, befreit. Nur in ein schlichtes weisses Tuch gewickelt wird er auf die Hoelzer gelegt. Die an der Verbrennung Beteiligten laufen mehrmals im Kreis um den Toten und schwenken ein Buendel Stroh uber ihm, mit dem anschliessend das Holz angezuendet wird. Der Oberkoerper wird mit duennen Aesten bedeckt, Kopf und Fuesse bleiben frei. Sandelholzmehl wird in die hochschlagenden Flammen geworfen und dann wird der Leichnam dem Feuer uberlassen, dass 2 bis 3 Stunden brennen wird, bevor der Koerper zu Asche geworden ist.

Der Anblick beruehrt und ueberfordert mich. Noch nie war ich so direkt mit dem Tod und der Vergaenglichkeit konfrontiert. Nach einer halben Stunde gehe ich ins Hotel und befreie mich unter der Dusche von der Asche und den Geruechen. Doch auch hier tragen ab und zu starke Windboen den Geruch der Verbrennungsstaette herueber.


1 Kommentar bis jetzt
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Hallo Klaus,
ich hoffe, du hast die unvermittelte Konfrontation mit dem Tod zwischenzeitlich verdaut.

Ich hab mir Varanasi gerade mal angeschaut. Weißt Du was das für eine große dunkelgrüne Fläche in der Nähe der Sportanlagen ist?
Liebe Grüße
Nina

Kommentar von Nina




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