Ortswechsel
Ich habe einen grossen Sprung gemacht. Die Reise entlang des Ganges ist beendet. Von seinem Quellgebiet im Himalaya flussabwaerts ueber die heiligen Hinduorte Rishikesh und Haridwar, ueber die multikulturellen Staedte Lucknow und Allahabad, in denen die Konflikte und das Miteinander zwischen Moslems, Hindus und den britischen Kolonialherren besonders sichtbar werden, bis zu der heiligsten Hindustadt Varansi.
Nun bin ich in Shimla angekommen, der Hauptstadt des Bundesstaates Himachal Pradesh. Hier werde ich die naechsten Wochen unterwegs sein. In den noerdlichen Gebieten hat sich eine tibetisch-buddhistische Kultur erhalten. Ausserdem fand auch der Dalai Lhama hier 1959 seinen Exilwohnsitz in Dharamsala.
Im 2200m hoch gelegenen Shimla ist es heute kalt, sehr kalt. Schon in Varansi donnerte am Abreisetag ein gewaltiges Gewitter ueber die Ebene. Der Zug kaempfte sich dann den ganzen Tag gegen einen Sandsturm nach Westen, mit dem Resultat, dass Baenke und Liegen mit einer millimeterdicken Staubschicht eingedeckt waren. In Shimla herrschen nun Temperaturen unter 10 Grad und es regnet. Die Times of India titelt einen Temperatursturz in Delhi - eine Seltenheit um diese Jahreszeit. Was fuer eine herrliche Erfrischung fuer mich nach der staubigen, stickigen Hitze in den letzten Wochen.
Stillstand in Delhi
Das keine Missverstaendnisse entstehen: Delhi steht alles andere als still. Hier herrscht ein Uebermass an Verkehr, Laerm, Geruechen, Menschen, Stimmen, Geschaeften … an Leben und Geschaeftigkeit. Als ich meinen Fuss das erste mal vom Hotel auf die Markstrasse Pahar Ganj setzte und Richtung Bahnhof wanderte, war ich nur noch darauf konzentriert, den Rikschas, Taxis, Kuehen und Menschen auszuweichen und alles andere auszublenden. Es waren einfach zu viele der Eindruecke, als das ich alle an mich heranlassen konnte.
Heute machte ich einen Spaziergang von New Delhi nach Old Delhi. Und wieder das gleiche Phaenomen: Ohren, Augen und Nase machten dicht und konzentrierten sich auf den Verkehr und das Vorwaertskommen. Ich beschloss auf der Eisenbahnbruecke stehen zu bleiben und meine Sinne zu oeffnen. Und siehe da: keiner sprach mich, an keiner ueberfuhr mich. Endlich begann ich meine Umwelt an mich heranzulassen und bisher Ubersehenes wahrzunehmen: Die Lastentraeger, die hochbeladene Karren ueber schlaggeloecherte Wege zerren und die Ladung verlieren, wenn sie die Kurve zu scharf nehmen; die streunenden Hunde auf der Suche nach Nahrung; die heimatlosen Kinder, die sich in dreckige Taschentuecher schnueffelnd berauschen und die Koepfe nach Laeusen absuchen; die buerokratischen Buerokraten, die im Schatten sitzen und Formulare in 5-facher Ausfertigung ausfuellen, waehrend die Lastentraeger in der Sonne schwitzen.
Ja, wenn ich von Indien mehr sehen will, muss ich stillstehen.