Dharali - so weit bin ich gekommen, bis der Winter mich aufgehalten hat. Die Strasse nach Gangotri ist noch gesperrt. Verschneite und vergletscherte fuenf- und sechstausender Berge mit oft skurillen Gipfelaufbaueten erheben sich direkt aus dem 2500m hoch gelegenem Tal.
Uralte Holzhaeuser, die auch im Tessin oder Piemont liegen koennten, liegen eng aneinandergeschmiegt an einem Berghang. Unter Ihnen fliesst der Bhagirathi, einer der vier heiligen Quellfluesse des Ganges. In der eiskalten Morgenluft dringt Rauch aus Fensteroeffnungen und Dachritzen, einen Kamin haben die Haeuser nicht. In grossen Kesseln auf Holzfeuern erhitzen Frauen Wasser, um damit am nahen Bach, der sich ein Stueck weiter mit dem Bhagirathi verbindet, ihre Waesche zu waschen.
Im eiskalten Winter wohnt hier kaum jemand. Jetzt, im beginnenden Fruehling, beziehen die Bauern die Haeuser. Sie leben vom Obstanbau und den Yaks, die hier das ganze Jahr ueber bleiben und jetzt jeden Abend hungrig durchs Dorf ziehen und herumliegendes Plastik und Pappe essen. Apfel und Aprikosenbaeume wachsen auf kleinen Terassenfeldern, die sich steil die Berghaenge hochziehen. Gerade beginnen die Aprikosenbaeume zu bluehen, schoene Farbflecken in der ansonsten noch winterlich braunen Vegetation.
Im Laufe des Tages sehe ich Frauen, die grosse Koerbe voll Holz und Gras auf dem Ruecken zum Dorf schleppen. Das Holz muss im Wald gesammelt werden, es von den noch stehenden Baeumen abzubrechen ist verboten. In ganz Indien soll angeblich der Verkauf von Motorsaegen verboten sein, um die Waelder zu schonen. Verbrannt werden sicher auch die grossen Zapfen der riesigen Zedern und Pinien, zumindest verbreiten die vielen Holzfeuer einen sehr aromatischen Duft.
Der touristische Teil des Ortes liegt an der Strasse nach Gangotri und besteht aus einer Reihe, teilweise aus Holz erbauten Hotels und Guesthouses, von denen bisher nur zwei geoeffnet sind. Ausserdem etwa ein dutzend der typischen, bunt angestrichenen Betongaragen, in denen Chai, Essen oder andere Lebensmittel und Waren verkauft werden.
Der Ort ist wunderbar, um sich vom Laerm und Hektik der indischen Staedte zu erholen. Ich mache ausgiebige Wanderungen mit fantastischen Blicken in den Himalaya. Aber bald wird es mit der Ruhe hier vorbei sein. Zwischen Mai und Oktober stroemen hier tausende indische Pilger herauf, um den Ort zu besuchen, an dem angeblich Bhagiratha meditiert hat, um den Ganges vom Himmel auf die Erde zu bringen. Das ist zumindest eine der vielen Mythen ueber die Entstehung des Ganges.